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Das Büro der Zukunft ist ein Freigeist – und will mindestens so gut eingerichtet werden wie Wohnzimmer und Co.

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Tom Dixon, das britische Design-Genie der Stunde, sitzt auf seinem Messestand und streichelt den neuen Schreibtisch, welchen er hier der Öffentlichkeit vorstellt: Einen sanft abgerundeten Eichenholztisch mit eleganter Maserung und schlanken Füßen. Höhenverstellbar? „Oh nein!“ antwortet der graugelockte Dixon irritiert. „Funktionalität können andere besser.“ Ihm ging es in erster Linie um die Optik. Mit dieser Einstellung ist er nicht allein: Das Büro, und das wird hier auf der Büromöbelmesse Orgatec deutlich, soll jetzt mindestens genauso gut aussehen und sich so behaglich anfühlen wie das eigene Wohnzimmer.

Die Zeiten in denen ein Büro Grau-Weiß-trist war, sind vorbei. Zumindest, wenn man den Träumen der Designer folgt. Sie sehen die Bürowelt jetzt vor allem in Farbe. Ein warmes Bordeauxrot, müdes Taubenblau, sogar Minzbonbon-Grün und milchiges Rosarot bestimmen die Farbkarten der Büromöbelhersteller 2017. Und damit sind durchaus nicht nur Accessoires gemeint, sondern ganze Möbelsysteme oder Wandverkleidungen. Das Kölner Design Duo Kaschkasch hat zum Beispiel das Programm „Rail“ entworfen, deren Elemente es in diesen gutgelaunten Farben gibt. Auch bei Arper und Pedrali sah man Möbel und Paneele in Pastellfarben. Wem das zu seicht ist, der findet in der neuen Büromöbelwelt aber auch anderes: Glamouröses Marmor und Metall zum Beispiel. So aktuell und zeitgeistig diese Materialien im Wohnen sind, so sind sie es auch, wenn es ums arbeiten geht. In Form von kleinen Beistelltischen oder Schreibtisch-Leuchten sollen sie nun unsere Büros aufwerten und ihnen den angestrengten Fleiß-Charakter nehmen. „Arbeiten wie im Wohnzimmer“ lautet das neue Einrichtungs-Motto für das Büro.

Vor allem, wenn man sich sein Büro selbst gestalten kann, geht der bewährte Dreisatz von Schreibtisch, Stuhl und Schrank nicht mehr auf. Es braucht mehr wie das – zum Beispiel ästhetisch ansprechende Leuchten jenseits des Halogen-Strahlers. Aber das moderne Büro wird auch mit solchen Kleinigkeiten wie Kugelschreiber, Notizzettel, Stiftetabletts, Tacker… eingerichtet. Tom Dixon hat aus ihnen beispielweise echte Statement-Pieces gemacht und sie in glänzende Metallmäntel gehüllt. Aber auch bei Hay, Normann Copenhagen oder Artek findet man solche stylishen Büro-Helferleins. Für ein Leben in der Schublade sind sie damit viel zu schade, sie wollen gesehen werden! Und damit ihren Besitzer als trendbewussten Kreativkopf outen… Während auch das Pinnboard noch vor Kurzem ein rein funktionales Tool war, spielt es sich jetzt zum Stil-Element hoch: Florian Kallus und Sebastian Schneider haben für den Hersteller Zeitraum zum Beispiel ein Wand- und Standpaneel entwickelt, das dank hochwertiger Stoffe extrem gut aussieht, Ordnung in Notizzettel und Ausrisse bringt und gleichzeitig noch Schall absorbiert.

Während das Thema Akustik für Großraumbüros gerade so aktuell ist wie nie, spielt es im privaten Büro oder Homeoffice weniger eine Rolle. Dort haben die neuen akustischen Wandpaneele eher eine schmückende Funktion und die Standpaneele dienen als Paravent. Egal ob in Großraumbüros, Studios, Ateliers oder der heimischen Schreibtischecke: Überall dreht es sich jetzt aber um die Gesundheit und um ergonomisches Arbeiten. Der Hersteller Haworth ließ auf seinem Messestand deshalb auch alle Hüllen des neuen Schreibtischstuhls „Fern“ fallen und zeigte dessen Innenleben, das an eine Wirbelsäule erinnert. Und das renommierte Design-Haus Vitra setzte gleich mehrere hochrangige Designer daran, neue Schreibtischstühle zu entwerfen. Weil Rückenschmerzen zu den Top Ten der Volkskrankheiten gehören, interessiert das Thema Sitzen schließlich nahezu alle. Aber es wird auch immer mehr im Stehen gearbeitet: Viele der neuen Schreibtische können auf Knopfdruck (oder mit einem Handgriff) ihre Höhe verändern. Büromöbel sind damit oft genauso flexibel, wie es die Arbeitenden heutzutage sein müssen. Manchmal verlassen sie dafür gleich ganz die bekannten Möbel-Kategorien: So wie der „Stool Tool“ Stuhl-Tisch-Hocker von Konstantin Grcic: Er ist federleicht und dabei extrem widerstandsfähig, lässt sich überall mit hinnehmen und ist dort dann in einem einzigen Objekt eine Art Pop-Up-Office.

Dabei geben viele Kreative sogar an, gar keinen Schreibtisch mehr nötig zu haben. Sie arbeiten überall: In der Badewanne, vor dem Fernseher, während sie lunchen oder die Kinder vom Kindergarten abholen. Gerne aber auch auf dem Sofa. Für alle, die viel von zuhause aus arbeiten, ist diese zunehmende Verschmelzung von Freizeit und Arbeit aber häufig auch ein echtes Problem. Denn wenn das Sofa schon zum Arbeiten benutzt wurde, fühlt es sich nach Feierabend einfach nicht mehr nach Freizeit an. Vielleicht stellen deshalb immer mehr Unternehmen auf der Orgatec Messe aparte Cocktailsessel und lässige Sofas vor: Weil sie wollen, dass es auch neben dem Schreibtisch einen Relax-Ort gibt, ohne dass das Lümmelsofa dafür entweiht werden muss. Manchmal muss man sich eben auch hinlegen, um zu einer Lösung zu kommen, oder einen richtig guten Kaffee trinken. Denken und Arbeiten funktionieren schließlich nicht linear.

Vor diesem geistigen Hintergrund, sieht das moderne Büro nun fast wie eine komprimierte Version des eigenen Zuhauses aus: Da gibt es eine Mini-Küche, einen reduzierten Wohnzimmer-Bereich, manchmal sogar eine Art abgespecktes Schlafzimmer. Dieser collagenartige Charakter befreit das moderne Büro, aber es verlangt auch nach verbindenden Elementen: Das kann ein tonangebendes Material oder eine durchgehende Farbfamilie sein. Manchmal reicht auch schon ein Dachthema, nach dem man alle Einrichtungsgegenstände für das Büro aussucht. Tom Dixons’ gestalterische Klammer ist übrigens das Thema „Gentlemans Club“: Samtbezogene Sessel mit riesigen Ohren, skulpturale Beistelltische aus gebogenem Metall, goldglänzende Deckenleuchter… Man mag es auf den ersten Blick kaum glauben: Aber Solitär-Möbel und Design-Accessoires wie diese, gehören tatsächlich zu der neuen Generation von Büromöbeln! Die moderne Arbeitswelt liebt es, sich zu inszenieren.

 

Ein Artikel von Janina Temmen

 

Erstellt am 22.02.2017 Kategorie: Einblicke, Entdecken Der Artikel wurde bereits 1632 mal gelesen
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