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Die Geburt des Genuss-Spezis

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Im Tegernseer Tal will eine Genuss-Community zukunftsfähige Landwirtschaft gestalten.

 

Spezi, der: Substantiv, maskulin.

Gebrauch: süddeutsch, österreichisch umgangssprachlich.

Bedeutung: Jemand, mit dem man in einem besonderen, engeren freundschaftlich-kameradschaftlichen Verhältnis steht

 

Zugegeben, ein etwas ungewöhnlicher Einstieg in das Porträt eines Mannes und seiner Vision. Doch der Protagonist dieser Zeilen visioniert im tiefsten Oberbayern. Und der „Spezi“ spielt eine nicht unbedeutende Rolle in jener Vision, die man auch als Experiment bezeichnen kann. Aber eins nach dem anderen!

 

Der Martlhof liegt in Ostin, in der Gemeinde Gmund am Tegernsee (Oberbayern). Als jemand, der den Spezi nur im Glas kennt, würde man in jenen Gefilden vermutlich Ansammlungen von riesigen, bewirtschafteten Bauernhöfen vermuten, mit überlaufenen Ställen, zertrampelten Kuhweiden, wild wuchernden Gemüsebeeten und üppigen Streuobstwiesen. Stattdessen: Ein paar gemütliche, aufgeräumte Höfe; ansonsten Einfamilienhäuser, mit Rosenstöcken und akkurat gestutzten Gärten, die ausgelegt sind auf kultivierte Kaffeekränzchen. Doch dann, hinter einer der letzten Kurven des Dorfes, herrscht endlich sympathisch-bajuwarisches Chaos.

 

Knotenpunkt ist ein kleines, doppelstöckiges Haus. Im Sommer grinsen Geranien vom zugestellten Balkon. Gegenüber liegt ein von Kinderhand bemalter Stall. Ob sich jene Kinder künstlerisch austoben durften, die gerade ein paar Ponys streicheln? An der Stallwand stapeln sich Eimer voll

Futter, ein paar Hühner picken sich gelangweilt von links nach rechts. Die sanften Hügel im Hintergrund grasen Schafe ab. Was fehlt ist ein Schild, das den „Martlhof“ und seine sieben Hektar Land als das rühmt, was er ist: Ein Experiment.

 

Versuchsleiter ist Landwirt Christoph Poschenrieder. Er hat den Martlhof 2010 vom Vater übernommen und will nun mehr bieten als nur Produkte. „Solidarische Landwirtschaft“ hat er sein Konzept getauft. Es soll dafür sorgen, dass seine und im Schlepptau die Erzeugnisse weiterer regionaler Kleinbauern nicht nur auf die Tische gutbürgerlicher Wirtshäuser kommen. Er will kleinen Höfen wie dem seinen zu einer neuen Existenzberechtigung verhelfen.

 

Der entspannt wirkende 33-Jährige ist ein smarter Mann. Er ist viel herumgekommen, hat Agrarwirtschaft studiert, doch das idyllische Bild, das ein Magazin kürzlich von ihm schoss – selbstbewusst und geschniegelt in Lederhosen auf der Schafweide – hat mit seinem Alltag wenig gemein. Seine Geschäftsklamotten sind Arbeitshosen und Gummistiefel; und sein Geschäft ist in erster Linie die Hege und Pflege von ein paar Ponys, 20 Schweinen, 30 Schafen, Mais, Kartoffeln und Kürbissen.

 

Ins Gespräch hat sich der Landwirt in den letzten Monaten allerdings nicht nur durch die Qualität des Fleisches gebracht, das er beim nahegelegenen Metzger schlachten lässt, sondern vor allem mit seiner Vision einer Landwirtschafts-Community. Die beginnt mit sozialem Engagement. Kinder aus schwierigen Familien, Autisten, Integrationsgruppen besuchen den Martlhof regelmäßig. „Umweltpädagogische Maßnahmen“ nennen das die Institutionen. Damit umschreibt Beamtendeutsch den Umstand, dass jene Kinder hier im Tegernseer Tal zum ersten Mal im Leben etwas essen, was sie eigenhändig gepflanzt oder zumindest geerntet haben. Wenn sich die Kinder nach ein paar Tagen oder auch nur Stunden wieder von Schwein Mona oder Pony Arielle trennen müssen, verdrücken sie nicht selten eine Träne. Die Erinnerung tragen sie aber in der Glücksschublade ihres Herzens nach Hause. „Das ist für diese Kinder wie ein kleines Oktoberfest“, sagt Poschenrieder. Daneben finden etliche von der Natur entfremdete Erwachsene über die Landwirtschaft ihren Weg zurück zu einem gesunden Verhältnis, ja zu einer Wertschätzung ihrer Lebensmittel. Gerade die, die kaum ein Auge zutun, weil sie am Morgen den jungen Landwirt zum Schlachten begleiten werden.

 

So wichtig ihm diese Begegnungen sind – das Überleben des Martlhofs würden sie nicht sichern. Deswegen hat Poschenrieder als wirtschaftliches Standbein der sozialen Landwirtschaft die „Genuss-Spezi-Gemeinschaft“ ins Leben gerufen. Die „Spezis“ (wir erinnern uns) sollen gemeinsam dafür sorgen, dass alles, was auf dem Hof wächst und gedeiht, nicht auf gut Glück produziert werden muss – und womöglich keine Abnehmer findet; oder umgekehrt zu viele Interessenten für zu wenige Produkte antanzen. Die Mitglieder der Gemeinschaft – rund 80 sollen es werden – planen also, welche Produkte sie in den kommenden Monaten brauchen werden. „Für viele Eltern“, sagt Poschenrieder, „ist das ganz normal. Die führen Haushaltspläne und wissen sehr wohl, wie oft die Familie Schnitzel zu Mittag essen wird.“

 

Die Planungssicherheit für Kunden und Betrieb wird durch einen „kulturellen Zins“ festgeschrieben. Wer zum Nutznießer des Martlhofs werden will, zahlt monatlich einen überschaubaren Obolus an Poschenrieder – und der organisiert neben der Lieferung immer wieder gemeinsame Treffen auf dem Hof. Der Überschuss von der letzten Schlachtung schmort dann auf dem Grill, das Lagerfeuer flackert, es herrscht reges Leben auf dem Hof. Mittlerweile gibt es auch Schlafplätze im Haus, Campingmöglichkeiten und eine Gemeinschaftsküche. Ein Genuss-Spezi kennt keine Einsamkeit, packt gerne auch mit an und findet so zurück zur Natur – ganz ohne esoterischen Anhauch übrigens oder antimoderne Anwandlungen. Poschenrieder informiert seine Community durchaus auch auf Facebook!

 

„Vorm Supermarktregal sind wir alle nicht mehr als Verbraucher“, erklärt Poschenrieder, bevor man wieder aufbricht. Doch für eine echte Gemeinschaft und wahre Lebensqualität brauche es wieder echte Schnittstellen zwischen Mensch und Natur. Ob und vor allem wie kleine Bauernhöfe in den kommenden Jahren dazu beitragen können, wird sicher auch das Experiment „Martlhof“ im Tegernseer Tal zeigen.

www.martlhof-tegernsee.de/

 

Erstellt am 27.10.2014 Kategorie: Einblicke Der Artikel wurde bereits 1318 mal gelesen
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