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Kompositionen aus Geweih

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„In meiner Werkstatt mit angrenzenden Ausstellungsräumen am Chiemseeufer in Chieming Arlaching entstehen meine Arbeiten aus Geweih und Horn. Naturprodukte, meist aus Hegehaltung, welche für sich alleine schon vollendete Schönheit besitzen. Mein Design besteht einzig darin, diese Schönheit der Natur mit Funktionalität zu verbinden, ohne Jagdklischees oder volkstümlicher Folklore.“ – Reinhard  Deyerl, Geweihdesigner

 

Diesmal haben die Chinesen Stühle bei Reinhard Deyerl bestellt. „Die Chinesen“ – das ist ein Hotel in Peking, für das der Kunsthandwerker sein Prunkstück zusammengesetzt hat: einen zehn Meter langen, knapp sechs Meter breiten Lüster. Keinen gewöhnlichen natürlich, sondern ein über eine Tonne wiegendes Oval aus 400 Hirschgeweihen. In 20 Metern Höhe hängend sorgt es für staunende Gesichter im Reich der Mitte und für laufend neue Aufträge aus Peking bei dem Chiemgauer, der mit Sack und Pack kürzlich vom westlichen ans östliche Chiemseeufer nach Grabenstätt gezogen ist. Sack und Pack, das bedeutet vor allem tonnenweise Geweihe, Horn und Knochen – die Rohstoffe eben, aus denen Deyerl „Schönes und Wildes“ herstellt, wie es das sich selbst ans Revers geheftete Etikett zu all den Möbeln und Wohnaccessoires beschreibt.

 

Eine ganze Reihe an Sitzmöbeln steht schon im Atelier, changieren zwischen Gemütlichkeit und Bedrohlichkeit. Ist das der Thron eines Urvolkkönigs, fragt man sich, oder Fernsehsessel eines narzisstischen Neuzeit-Bajuwaren? Auf jeden Fall sollen die Konstrukte buchstäblich be-sessen werden. „Ich baue keine Ausstellungsstücke, sondern echte Funktionsmöbel“, betont Reinhard Deyerl. Ehe sich chinesische Geschäftsleute auf den neuen Stühlen niederlassen können, dreht und wendet Deyerl wieder und wieder die zuvor sorgsam ausgesuchten Stangen, hält sie hier an die Sitzfläche, versucht dort zwei ineinanderzuschieben. Die Entstehung seiner Stücke ist auch ein Geduldsspiel. Denn zum Schluss soll alles wie natürlich verwachsen wirken. Das Gewicht soll ohne weitere Halterungen nur auf den Stangen lasten, wo spitzes Chaos war, soll am Ende „Symmetrie und Harmonie“ herrschen. Und das kann dauern. Immer wieder fräst und schleift er, bis sich Geweih und Holz perfekt aneinanderfügen und im Gleichgewicht befinden. Manchmal eine Millimeterarbeit! Die Stellen, an denen er Vertiefungen für Schrauben bohren muss, verspachtelt er später und malt drüber. Seine Arbeit soll keine Spuren hinterlassen.

 

Reinhard Deyerl wuchs in Niederbayern auf. Als Bub streifte er durch die dunklen Weiten des Bayerischen Walds und brachte so viele knöcherne Fundstücke mit nach Hause, dass der Vater schon mal den Kopf schüttelte ob des etwas morbiden Regalschmucks. Mit dem Jenseits haben die Arbeiten des Erwachsenen aber nichts gemein. Erstens verabscheut er profanen Trophäenschmuck, zweitens verarbeitet Deyerl ausnahmslos Abwurfstangen. So ein Hirschgeweih dient ja bekanntlich nur als temporäre Krone. Jedes Jahr wächst dem König der Wälder eine neue, nachdem er die alte zum Frühjahr verloren hat. Ein Sammler ist der gelernte Koch und spät zum Geweihdesigner berufene also geblieben, wenngleich er inzwischen mit Waidmännern und Züchtern auf die munitionslose „Pirsch“ geht.

 

In den neuen Räumlichkeiten können Kunden nun auch besser um die Deyerlschen Objekte pirschen. Mannshohe Lampen, schwungvoll umhörnte Spiegel, archaisch und doch elegant wirkende Tische, und alles von einer fast tänzerischen Leichtigkeit und Lebendigkeit, obwohl das Material tot und schwer ist. Woher nimmt der 53-Jährige nur die Inspiration? Da zuckt Reinhard Deyerl mit den Schultern. Ideen mag er zwar in der Natur finden, etwa beim Mountainbiken oder Gleitschirmfliegen, der Musenkuss komme aber eher unverhofft. Beim Ordnen einer neuen Lieferung, beim Abschleifen einer Stange oder einfach beim Betrachten des riesigen Fundus, der gleich hinter dem Ausstellungsraum lagert. Darunter auch recht exotische Stücke wie der Schädelknochen eines Wals oder ein 35.000 Jahre alter Bisonbüffel-Schädel. Dementsprechend weiß er noch nicht, was er als nächstes erschaffen wird. „Aber ich habe das Gefühl, als sei Horn an der Reihe“, sagt er, und verschwindet in seinem scharfkantigen Dschungel…

 

Kontakt:
Reinhard Deyerl
Schlossstraße 9
D-83355 Grabenstätt
Tel. +49 171 712 19 83
reinhard@deyerl.com
www.Deyerl.com

 

Alle Bilder: knallertexte.de

Erstellt am 07.07.2014 Kategorie: Einblicke Der Artikel wurde bereits 1892 mal gelesen
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