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Grober Holzklotz-Look war gestern – die neuen Holzmöbel streicheln unsere Sinne

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Selten waren sich die Designer so einig wie in ihrer jetzigen Materialvorliebe: Holz! Blondes, braunes, rotes, ganz egal – Hauptsache das Holz ist naturbelassen und trägt seine Struktur, die Maserung, Jahresringe und Aststellen wie ein Gemälde zur Schau. Doch während noch vor gar nicht langer Zeit, Design aus Holz meist massiv und maskulin anmutete, zeigt es sich jetzt mit Vorliebe von seiner feinsinnigen Seite.

Zur neuen Generation der Holzmöbel und -Objekte gehören auch die Entwürfe der finnischen Manufaktur Nikari: Dessen Neuzugang, der Barstuhl „Perch“, ist ein zarter, langbeiniger Entwurf mit vollständig abgerundeten Formen. Die Jungdesigner Wesley Walters und Salla Luhtasela haben den grazilen Eichenholz-Stuhl entworfen und verstecken ihre Freude über den neuen Hersteller kaum: „Nikari stellt für uns das Traum-Unternehmen dar“ sagen sie „Ihr Design ist schön, stylish und dafür gemacht, mit einem alt zu werden.“ In einer Zeit, wo sich die Welt jeden Tag schneller zu drehen scheint, wird die Zeitlosigkeit des Werkstoffes Holz zu seinem größten Vorteil. Es ist sogar noch besser: Die Lebensspuren, die Holz mit den Jahren bekommt, adeln es – denn sie erzählen Geschichten. Und diese gemeinsam erlebten Geschichten machen, wie bei guten Freunden, die Beziehung zwischen Objekt und Besitzer aus. So kommt es, dass immer mehr Menschen auch in Zeiten der Massenproduktion nach handgearbeitetem Holzdesign suchen. Solchen, wie denen von Franz Keilhofer, einem jungen Mann aus dem Berchtesgadener Land, der als Drechsler arbeitet (aber auch als Model und Mathelehrer) und der mit seinen handgefertigten Holzobjekten auf Erfolgskurs ist. Aber so burschikos sich Keilhofer privat gibt, so reduziert und zeitlos, fast poetisch sind seine Entwürfe. Von Hauruck-Design keine Spur. Seine Schalen, Gefäße und Schneidbretter sind soft und wirken fast so, als hätte sie jemand aus einer weichen Masse geformt. Mit dieser Formsprache trifft er den Nerv der Zeit, aber vor allem auch dessen Ästhetik.

Denn die groben Formen der hölzernen Industrie-Look-Möbel, die unser Wohnen nun lange prägten, werden langsam in den Hintergrund gedrängt. Selbst wenn beispielweise Esstische auf Stahlkufen stehen, dann tanzt jetzt gerne die Holzplatte darauf aus der Reihe: Und hat kurvige Kanten oder trägt noch die Baumrinde als dekoratives Element. Auch die archaischen Holzmöbel und -Objekte, deren Holzklotz-Anmutung lange Zeit gleichgesetzt wurde mit Handwerk, sieht man nur noch selten. Unter Holzgestaltern scheint eine neue Liebe für den Purismus entstanden zu sein. Grob und unbehauen soll ihr Design nicht mehr rüberkommen! So entdeckt man überall dort, wo sich Formgeber und Vorausdenker gerade treffen dieses neue Holzdesign. Aber auch bei großen Möbelherstellern und traditionellen Manufakturen: Die Entwürfe der Münchner Manufaktur Anton Doll folgen auch diesem neuen, entschlackten Holz-Stil-Code. Dolls’ Sitzbänke und Tische haben beispielweise abgerundete Holzbeine, elegante Schwalbenschwanzverbindungen oder filigrane Gratleisten. Und sie sind häufig mehrfach geschliffen und mit naturbelassenem Holzöl veredelt, so dass sie sich fast samtig anfassen. Denn Design aus Holz soll jetzt vor allem auch dem Tastsinn schmeicheln.

„Durch die Digitalisierung sind sehr viele taktile Tätigkeiten und Objekte aus unserem Alltag verschwunden“ erklärt die belgische Trendforscherin Hilde Francq dieses Phänomen. „Mit der Hand und einem Füllfederhalter schreiben, zum Beispiel. Aber auch ein echtes Buch anfassen, das nach bedrucktem Papier riecht. Aber wir bleiben emotionale und sinnliche Lebewesen und sehnen uns danach zu berühren und berührt zu werden.“ Also sind wir, laut Francq, in anderen Alltagsbereichen verstärkt auf der Suche nach Sinnlichkeit, zum Beispiel im Wohnen und bei Möbeln und Designobjekten. Holz bietet eine haptisch spannende Oberfläche, die, wie bei kaum einem anderen Werkstoff, sägerau bis samtig sein kann. Dazu spürt man sofort, ob es echtes Holz ist oder nicht. Auch weil echtes Holz eine angenehme Wärme ausstrahlt. Diese taktilen Qualitäten zeichnen den Werkstoff in Zeiten von Tablet und Smartphone aus. Holz verlangt fast danach, gestreichelt zu werden. Und sogar die Spuren, die man als Benutzer dabei hinterlässt, werden längst nicht mehr als Makel angesehen: Jeder Fingerabdruck ist quasi die individuelle Handschrift auf einem Holzobjekt. Und diese Patina gehört zur gerade so gefragten „guten Geschichte“ einfach dazu.

Ein Artikel von Janina Temmen

 

Erstellt am 14.12.2016 Kategorie: Entdecken Der Artikel wurde bereits 3158 mal gelesen
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