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Wie Nimmerland mit Musik

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Woodstock. Immer wieder Woodstock. Wer den unbeschreiblichen Geist beschwören will, der ein Musikfestival durchweht, bemüht fast reflexartig die Mutter aller Kulturgroßveranstaltungen. Dabei hat die Gegenwart längst selbst Legenden geboren. Das Sziget-Festival in Budapest zum Beispiel.

 

Es ist 1992. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs herrscht Aufbruchsstimmung im ehemaligen Ostblock. Ein paar Studenten der Budapester Universität wollen ihre neue Freiheit ausleben, gemeinsam musizieren, campen, einfach Spaß haben. Ihre als Privatpicknick mit Soundtrack geplante Zusammenkunft auf der Obudai-Insel mitten in der Stadt trifft so ins Herz des Zeitgeists, dass die kleine Gruppe binnen weniger Tage auf 9.000 friedlich feiernde Menschen anwächst. Károly Gerendai, ein gewiefter Konzertveranstalter, und Péter Sziámi Müller, ein kultureller Tausendsassa, ahnen sofort den Beginn etwas Außergewöhnlichen. Sie tun sich zusammen, um das Potenzial von Ort und Ereignis auf gelenkte Bahnen zu bringen. Im Folgejahr organisieren sie „Diáksziget“: die Studenteninsel. Über 40.000 Gäste genießen 200 Konzerte auf zwei Bühnen und ein schon damals recht vielfältiges Rahmenprogramm.

 

Dann spielt den Organisatoren ein zeitlicher Zufall in die Karten. 1994 feiert das große, einereits so unerreichte, andererseits so verklärte Festival-Vorbild seinen 25. Geburtstag: Woodstock. Das dynamische Duo bläst fast schon selbstmörderisch zum “Eurowoodstock” und lädt nicht mehr nur ungarische Künstler ein, sondern klingelt kurzerhand bei den ganz großen Nummern durch. Acts wie Jethro Tull, Ten Years After, Frank Zappa’s Grandmothers of Invention, die Birds, Blood Sweat and Tears oder Eric Burdon folgen dem Ruf – und locken im Schlepptau weit über 100.000 Menschen an. Spätestens mit dem Einstieg von Pepsi als Hauptsponsor avanciert das ehemalige Inselpicknick in den Folgejahren zur neuen Galaxie am Festivalhimmel.

 

Zeitsprung: Fast 400.000 Besucher spazierten 2013 über die rostige Stahlbrücke, die den einzigen Zugang zu „Sziget – Island of Freedom“ bildet. Darunter natürlich längst nicht mehr nur Ungarn. Das inzwischen einwöchige, jeden August stattfindende Festival wurde 2011 als bestes seiner Art in Europa ausgezeichnet. Deutsche, Franzosen, Engländer und Finnen pilgern nach Budapest, um den Sziget-Geist zu atmen. Ein Geist, der trotz aller zwangsläufigen Kommerzialisierung immer noch, nun ja, lebendig ist. Nach wie vor gilt das sieben mal zehn Kilometer große Eiland während der Festivalwoche als eine Art selbständige Republik, ohne Polizei, ohne Repressalien, dafür mit viel Vertrauen in die (zumindest was die Friedfertigkeit angeht) Vernunft der „Sziticens“. Die erklärt Festival-Manager Takács Gabor ganz einfach: „Hier herrschen keine Regeln und Gesetze. Wir ermöglichen den Menschen eine nie gekannte Freiheit. Und weil jeder Teil dieses Wunders sein möchte, sozialisieren sich die Leute einfach selbst.” Kurios: ausgewiesene Campingplätze gibt es nicht. Man schlendert einfach über die Insel, und wo man die Nachbarschaft sympathisch oder die Nähe zur nächsten sanitären Anlage als perfekt empfindet, haut man seine Heringe in den Boden. Völkerverständigung leicht gemacht. Das Bild ist verbrieft: wie eine Gruppe bayerischer Festival-Besucher dem Nachbarzelt aus Israel das Schuhplattln lehren, um sich anschließend im Hora zu üben, dem israelischen Nationaltanz. Später, zu den Riffs einer Heavy-Metal-Band, schüttelten alle im Gleichklang die Köpfe.

 

Musikalisch darf man das Sziget sicher als eines der am besten besetzten Festivals Europas bezeichnen. Zu den bekannten Namen dieses Jahres zählen Queens of the Stone Age, Macklemore & Ryan Lewis, Placebo, The Prodigy, Korn, Stromae, Calvin Harris, Imagine Dragons oder Bastille. Noch heute treibt die Erinnerung allen, die dem zweieinhalbstündigen Prince-Konzert von 2011 beiwohnen durften, Tränen der Verzückung in die Augen. Ein musikhistorischer Moment, meinen nicht wenige. Auf den rund 60 Bühnen spielen die größten Weltstars neben Newcomern und regionalen Vertretern aus allen – wirklich allen Genres: Metal, Folk, Jazz, Blues, Alternativ und Weltmusik, ja sogar klassische Musik erklingt. Wo sonst lässt sich authentischer Roma-Musik lauschen, um danach dem bunten Treiben auf der für homosexuelle Künstler reservierten Bühne beizuwohnen? Und wenn die gebuchten Acts dann spätnachts doch mal pausieren, legt auf einem selbstgezimmerten DJ-Pult irgendwo inmitten der Zeltlandschaft ein (mitunter nicht unbekannter) Besucher auf.

 

Wäre sie nicht, die Musik, man könnte meinen, man habe sich in eine Märchenwelt verirrt, in Peter Pans Nimmerland. Labyrinthe, Abenteuerparks, Theater, Kinos, Gastronomien aus aller Welt verstecken sich in verwunschenen Wäldchen. Von Lampions zart beleuchtete Waldwege weisen zu Open-Air-Werkstätten und ganzen Künstlervierteln. Mitmachen lautet das erste Gebot. Mitmachen und eintauchen in diese unbeschreibliche Erfahrung. Das Sziget hat quasi jene Prinzipien perfektioniert, die Rockfestivals bei jungen Leuten so beliebt machen: den Ausbruch aus dem reglementierten Alltag, die Abgrenzung gegen Obrigkeiten, das Ausloten eigener Grenzen, das beschnuppern fremder Kulturen, das reuelose Kennenlernen des anderen Geschlechts – das Sziget gilt vielen als Initiationsritus in Reinkultur.

 

Übrigens: Wer sich sorgt, bei sieben Tagen Festivalleben einen Lagerkoller zu erleiden, unternimmt einfach eine Stippvisite hinein nach Budapest. Eine sehenswürdige, geschichtsträchtige Stadt voller lebendiger Kultur, historischen Gebäude, altehrwürdiger türkischer Spas und lässiger „Ruinen-Pubs“.

 

Infos:

• Datum: 11. – 18. August 2014

• Ort: Óbudai Island, Budapest, Ungarn

• erwartete Besucher: 400.000

• Festival-Pässe sind ab 169 Euro verfügbar (tatsächlicher Preis ist abhängig von unterschiedlichen

Ticket-Optionen und dem Zeitpunkt des Erwerbs)

• Programm, Tickets, Anfahrt siehe: www.szigetfest.de

Erstellt am 04.08.2014 Kategorie: Erleben Der Artikel wurde bereits 2865 mal gelesen
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