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Portugals bunte Wände

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Während Fliesen hierzulande eher ein zweckdienliches Dasein im Sanitärbereich fristen, schmücken Sie in Portugal ganze Stadtbilder. Doch an den „Azulejos“ nagt der Zahn der Zeit.

 

Es ist dem Spleen eines Königs zu verdanken, dass sich Portugal als Land der Fliesen bezeichnen darf. Nicht nur ganze Kirchen, Kapellen und Klöster, auch nahezu alle Paläste, Villen und Landhäuser, ja sogar gewöhnliche Wohngebäude glänzen keramikverziert – seit König Manuel I. im Jahr 1498 Kastilien und Andalusien bereiste, dort auf die gefliesten Paläste der Mauren traf und beschloss, seinen Sommerpalast in Sintra mit solchen „polierten Steinchen“ (arabisch „al zuléija“, daher dann Azulejos) auszuschmücken. Wie Könige so sind, gab er gleich eine Großbestellung auf: über zehntausend Kacheln ließ er ankarren, um mit seinem Fliesenfieber in Windeseile das ganze Land anzustecken.

 

Um einen gleichsam fundierten wie geballten Eindruck zu bekommen, lohnt ein Besuch im Lissabonner „Museu Nacional do Azulejo“.1960 im ehemaligen Kloster „Madre De Deus“ untergebracht, gibt das Nationalmuseum einen Überblick über die gesamte Entwicklung der Kachelkunst. Prunkstück der Sammlung: das aus rund 1.300 blauen Kacheln bestehende „Grande Panorama de Lisboa“, ein über 20 Meter langes „Gemälde“, das Lissabon vor der Zeit des verheerenden Erdbebens von 1755 zeigt und nicht nur aus kunsthistorischer Sicht von unschätzbarem Wert war für die Portugiesen. Denn nicht zuletzt Dank jener Abbildung konnte die Hauptstadt größtenteils originalgetreu wieder aufgebaut werden. Museumsmuffel können aber auch einfach mit der Metro fahren (deren Stationen seit 1959 von namhaften Künstlern wie Friedensreich Hundertwasser gefliest werden) – oder am einfachsten den Hans-Guck-in-die-Luft geben. Von Ost, nach West, vom Norden bis hinunter in den Süden, die Algarve entlang, lugen in ganz Portugal die unterschiedlichsten Azulejos von den Wänden – noch.

 

Noch, weil jene Kachelkultur mangels Geld scheinbar ohne Gegenanstrengung zu verfallen droht. Schade um teils jahrhundertealte Zeitzeugnisse! So beherrschten zu Beginn der Strömung bunte arabisch anmutende Azulejos die Szene. Alltags- und religiöse Motive erweiterten das Portfolio genauso wie Einflüsse aus Portugals Kolonien. Techniken aus Architektur, Goldschmiedekunst, Geometrie, Malerei oder Textilverarbeitung dienten als Inspirationsquellen. Für einen rasanten Aufschwung der Kachelmalerei sorgte im sechzehnten Jahrhundert die Fayence-Technik: Indem die Motive auf eine Zinkglasur aufgetragen wurden, flossen die Farben nicht mehr ineinander.

 

Es folgte der Trend, der bis heute für ein weit verbreitetes Missverständnis in der Wortherkunft der Azulejos sorgt. Chinesisches Porzellan und die niederländischen Kachelmaler aus Delft sind Schuld, dass plötzlich einfache blauweiße Muster in Mode kamen und viele fälschlicherweise glauben lassen, der Begriff gehe auf das portugiesische Wort für blau zurück: „azul“.

 

Portugals größte Katastrophe erwies sich dann kurioserweise gleichzeitig als größter Erfolgsfaktor für die farbigen Fliesen. Die Frage nach einer gleichsam wetterbeständigen, günstigen und schönen Hausverkleidung nach der weitläufigen Zerstörung beantworteten portugiesische Handwerker mit der massenhaften Herstellung von Azulejos. Rund um Lissabon lagerte damals tonnenweise und leicht abzubauen der notwendige Ton. Als die Herstellung ab dem neunzehnten Jahrhundert schließlich in industrieller Form ablief, gerieten Azulejos geradezu zum Allerweltsprodukt – vielleicht mit ein Grund, warum das Land so stiefmütterlich mit diesem prachtvollen Erbe umgeht.

 

Der unrühmliche Stand der Dinge: wo die Fliesen von den Fassaden fallen, hält meist niemand sie auf. Während es Ende des letzten Jahrhunderts in Lissabon noch über zehn Azulejo-Manufakturen gab, mit hunderten Menschen in Lohn und Brot, darf sich die Fábrica de Sant’Anna heute mit dem traurigen Titel „letzte ihrer Art“ schmücken, und der Großteil der Kundschaft stammt längst aus dem Ausland. König Manuel I. dürfte sich im Sarge umdrehen…

Bilder: www.knallertexte.de

Erstellt am 27.05.2014 Kategorie: Erleben Der Artikel wurde bereits 1282 mal gelesen
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