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365 Kilometer Randonnée – die Metamorphose des Ich

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Kilometer 0: Um 3 Uhr morgens reißt mich der Wecker unsanft aus dem ungewohnt kurzen Schlaf. Ich habe einiges vor heute: Auf dem Rennrad von Nürnberg zum diesjährigen Urlaubsort Schluchsee. Normalerweise ist das nicht meine Disziplin, meine Trainingsdistanzen gehen eher selten über 130 Kilometer hinaus. Dennoch will ich’s einfach mal probieren, wie das ist, sich in einen derartigen Marathon hineinzumeditieren. Wobei ich mich schon vor dem ersten Schluck des in Trance gekochten Kaffees frage, warum ich mir das antue. Nun ja, ich bin kein Morgenmensch, und jetzt gibt’s kein Zurück mehr.

Kilometer 10: Immerhin, das Wetter soll gut werden. Mit diesem Mantra rolle ich um 4 Uhr morgens fröstelnd durch’s nächtliche Nürnberg Richtung Süd-Westen. Der übliche Westwind ist erträglich, die Straßen sind wunderbar ruhig und dank der Beleuchtung bin ich nicht nur auf meine Batteriefunzeln angewiesen. Rote Ampeln kann ich mit etwas Vorsicht ignorieren und finde schnell meinen gewohnten Rhythmus. Es kommt jene Freude am Fahren auf, die man nur erlebt, wenn man sich aus eigener Kraft durch die Natur bewegt, kein Vergleich mit der rollenden Blechbüchse, die mit dem gleichlautenden Slogan beworben wird.

 

Kilometer 40: Die Stadt liegt längst hinter mir, die Sonne geht langsam auf, es wird wärmer. Ich rausche durch noch immer still daliegende fränkische Dörfer. Nur die Katzen trotten lässig von der nächtlichen Pirsch nach Hause.

 

Kilometer 90: Kurz vor Nördlingen mache ich an einer Tankstelle die erste Pause. Ein Brötchen, zwei mitgebrachte Bananen, ein Becher Kaffee und eine neue Füllung für die Flaschen. Langsam wird’s angenehm warm, ich fühle mich frisch und munter. Noch bin ich locker bei einem 30 er Schnitt. Ich weiß, dass das eigentlich zu schnell für die lange Distanz ist, aber ich habe nach einigem Abwägen beschlossen, so lange es geht, meinen gewohnten Rhythmus zu fahren. Langsamer werde ich dann automatisch.

 

Kilometer 190: Ein paar Kilometer hinter Ulm. Sieben Stunden bin ich jetzt unterwegs. Etwas mehr als sechs davon im Sattel. Jetzt wäre es eigentlich genug. Ich sitze auf einer Bank im schattigen Waldrand, lausche den Vögeln und könnte nach drei Käsebrötchen glatt ein Verdauungsnickerchen einlegen. Das hügelige Schwäbische hat im Licht eines warmen Sommertags eine fast schon paradiesische Aura. Ich möchte jetzt eigentlich genießen, aber es muss weiter gehen.

 

Kilometer 240: Ich bin im Reich der Leiden angekommen. Die Sonne nervt und blendet, der Verkehr sowieso, das Vogelgezwitscher klingt nach blankem Hohn – was tust du dir da an, du blöder Mensch? – und an jeder Steigung spüre ich den Drang, das Brennen der Oberschenkel nicht mehr zu ignorieren. Einfach absteigen, in die Blumenwiese legen, die sich da so verlockend neben der Straße erstreckt, den Rücken strecken, die verspannte Schultermuskulatur entspannen, ach …

 

… Kilometer 270: Es ist 15 Uhr, etwa 10 Sunden im Sattel und immer noch kein Ende. Vor allem wird’s jetzt, bei Tuttlingen, zum ersten Mal richtig bergig. Ich gönne mir eine dreiviertel Stunde Pause, strecke mich auf einer Bank aus und mache ein wenig die Augen zu. Das Summen der Insekten beruhigt und versöhnt mich ein wenig.

 

Kilometer 290: Das Tempo ist endgültig weg. Ohnehin bin ich nach 150 Kilometern immer langsamer geworden, aber jetzt reihen sich die zähen Steigungen des Schwarzwalds vor mir auf. Ich habe gar keinen Ehrgeiz mehr. Nur noch ankommen, lautet die Devise. Und so rattert die Kette schnell in den kleinsten Gang auf der Suche nach einem Rhythmus, der möglichst wenig wehtut und die Atmung halbwegs ruhig hält. Ich fühle mich stumpf, ich will stumpf sein, nichts mehr spüren. Natur ist mir total egal. Ich starre 10 bis 15 Meter vor mich auf den Asphalt, sonst gar nichts. Ich will nur noch weiterkommen, irgendwie.

 

Kilometer 320: Ist es die Euphorie, dass es nun nicht mehr weit ist, oder kommen jetzt endlich die Endorphine, von denen die Langstreckler so gerne schwadronieren? – Nach einer kleinen Pause auf einem kleinen Gipfel mit Aussicht fühle ich mich im Einklang mit der Welt. Ich habe die Landschaft im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, und da stehe ich und kann auf eine der schönsten Landschaften Deutschlands blicken. Ich bin angekommen on the road. Wie ferngesteuert rolle ich die letzten Kilometer, ich bin bei mir und doch wieder nicht. Mein Körper jedenfalls ist irgendwo ganz weit weg in weiche Watte gepackt. Gegen 19 Uhr 15 glitzert mir der erste Zipfel Schluchsee entgegen. Ich sauge den Geruch des Wassers tief ein.
Autor: Thomas Nagel

Kurort Breitnau, Schwarzwald. Mit 1493 Metern ist der Feldberg der höchste Gipfel der Ferienregion Schwarzwald. Münsingen, Schwäbische Alp. Ruine Hohengundelfingen im Grossen Lautertal, Schwäbisch Alp. Steinerne Jungfrauen im-Eselsburger Tal Kilometer 40: Die Stadt liegt längst hinter mir, die Sonne geht langsam auf, es wird wärmer...
Erstellt am 12.03.2014 Kategorie: Einblicke, Erleben Der Artikel wurde bereits 1557 mal gelesen
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