HARO Lifestyle Magazin Logo

Login

Passwort vergessen? (schließen)

Schaukel dich glücklich! Stühle und Stehrumchens stehen nicht mehr still…

Schriftgröße   

Designer setzen jetzt auf eine Art sich zu bewegen, die nachweislich glücklich macht und entwerfen Schaukeln, Schaukelstühle, sogar Schaukelpferde. Über den neuen Trend und die schönsten neuen Entwürfe.


Ein kleiner Kiosk am Ende einer Trambahnlinie. Leute, die kommen, etwas kaufen und wieder gehen. Manche warten, gucken stumpf in ihre Smartphones. Dann sind sie weg. Wieviel freudvoller diese Szene aussehen könnte, wenn Oliver-Selim Boualam und Lukas Marstaller hier ihre Schaukel aufhängen würden: Als die beiden Produkt Designer im Rahmen ihres Studiums einen leerstehenden Karlsruher Bahnhofskiosk mit Schaukeln und Farbe in einen Projektraum verwandelten, blieben die Menschen dort durchschnittlich eine Stunde — statt die erwarteten fünfzehn Minuten. Und sie hingen zufrieden lächelnd auf den Schaukeln ab. Auch auf der Möbelmesse in Köln wollten Besucher die minimalistischen Edelstahlrohr-Schaukeln der beiden Designer am liebsten gleich ausprobieren. Die Messeorganisatoren mussten das aus Sicherheitsgründen verbieten.

Neuer Schwung in heiligen Hallen
Ist es nun eine Flucht vor dem Alltag oder ein fröhliches Bejahen des Kindes in jedem von uns, das immer mehr Designer Schaukeln, Schaukelstühle und sogar Schaukelpferde entwerfen? Schon in den letzten Jahren wurde die Reihe der schaukelnden Ikonen immer länger: So gibt es den berühmten Eames-Stuhl von Vitra mittlerweile in einer Variante mit Kufen, genau wie den „Mademoiselle“ Stuhl von Artek. Sie stehen wie selbstverständlich am Esstisch. Denn selbst dort, wo es immer hieß „Nicht kippeln!“ scheint es mittlerweile salonfähig zu sein, hin und her zu wippen. Auch der für Schulen entworfene Stuhl „Tip Ton“ von Vitra ist so konzipiert, dass er nie still stehen kann: Denn statisches Sitzen ist nämlich nachweislich ungesund für den Rücken. Besser ist, man bleibt stets ein wenig in Bewegung. Und bevor sich ein Lehrer beschwerte, legten die Macher hinter „Tip Ton“ Studien vor, die belegen, dass auch die motorische Entwicklung eines Kindes durchs schaukeln gefördert wird.

Design will nicht mehr nur ernst sein
Gute Gründe gegen das Stillsitzen — und dafür, sich die neuen Entwürfe der Startdesigner anzugucken: Philippe Starck stellte in diesem Frühling zum Beispiel eine neue Schaukel für den Design-Hersteller Kartell vor: „Airway“ ist eine transparente Kunststoff-Schaukel, die an quietschbunten Seilen hängt. Das französische Design-Enfant-Terrible drückt es etwas blumiger aus: „Airway ist ein unsichtbarer Sitz, um in den Himmel zu fliegen“. Man kann sich die stylishe Schaukel gut in den Wohnzimmern hipper Großstädter vorstellen, auch auf der Terrasse eines Penthouses — nur dort nicht recht, wo man Kinder im Allgemeinen findet, also auf Spielplätzen. Aber wer weiß… Das schwedische Designduo Front, einst bekannt durch konzeptionelle Entwürfe und Objekte, mit einer untergründig rebellischen Message, scheint nun auch aufs Kind gekommen: So entwarfen sie für die geschichtsträchtige Möbelmarke Wiener GTV Design ein Schaukelpferd. Besser gesagt: Ein Schaukelobjekt. Denn der schwarze Bugholzrahmen ist schwungvoll in eine Tierform gebogen und sein Körper mit feinstem Leder verkleidet — aber ob es nun ein Pferd ist, worauf man da wippen soll, bleibt offen. „Furia“ heißt es und so vermutet man unter dem glänzenden Rahmen vielleicht noch einen Motor, der das Objekt antreiben oder sonst wie anheizen soll. Aber nichts dergleichen: „Furia“ ist einfach ein hübsches Stehrumchen, das nie ganz still steht. Und während die Marke noch 1885 mit einem üppig geschwungenen Bugholz-Schaukelstuhl berühmt wurde, glänzt die Wiener Möbelmanufaktur heute mit dem lässigen Schaukel-Objekt.

Die Seele-baumeln-lassen-Sessel
Zwischen der Biedermeier- und der Jetztzeit gab es natürlich noch weitere Designobjekte, die bewusst auf Bodenhaftung verzichteten und auf eine baumelnde, schwingende oder wippende Bewegung setzten. So zum Beispiel Eero Aarnios Plexiglas-Sessel, der einer Seifenblase am Metallseil gleicht: Der „Bubble Chair“ wurde seit seinem Erscheinen 1968 zur Ikone, auch weil er das Lebensgefühl der Sechziger verkörperte. Die „Pop Blase“ der Sixties zerplatze irgendwann, Aarnios’ Entwurf blieb. Seitdem gab es bereits viele Schaukelsessel, die versuchen, seine schwebende Behaglichkeit nachzuahmen. Vor allem auch die geflochtenen Korb-Kokons der letzten Jahre gehen auf dieses Konto. Neben dem behaglichen Gefühl eines Kokons, entsteht ihr Zauber auch durch die fehlende Bodenhaftung. Man scheint in ihnen schwerelos durch Raum und Zeit zu schweben — ein wohl ultimativer Zustand der Entspannung. Und die Seele baumeln lassen, ist auch heutzutage immer noch das, was sich die meisten Menschen von ihrem Zuhause wünschen.

Stil trifft Spiel
Während unser Zuhause noch in den Neunziger Jahren ein möglichst cleaner Raum zu sein hatte, wurde dieses Stil-Credo in den letzten Jahren zunehmend aufgelockert durch individuelle Details, Stoffe und neuerdings sogar verspielten Objekten. Der niederländische Designer Marcel Wanders müsste sich über diese Entwicklung eigentlich freuen. So predigt er bereits seit Jahren das Credo „More ist more“. Seine Entwürfe sind reich verziert, formell überbordend, sie spielen mit Farbe oder auch gar nicht. Vor allem aber sind sie immer maximal unangepasst. Trotzdem hat sich Marcel Wanders vom Schaukel-Fieber anstecken lassen und ein schaukelndes Einhorn lanciert: „Arion“ ist ein handgefertigtes, künstlerisches Objekt aus Holz, Leder und Silber und wirkt wie aus einem Märchen oder einer Traumwelt entsprungen. Seine Ähnlichkeit mit den liebevoll kolorierten Pferden der nostalgischen Jahrmarkt-Karussells ist allerdings auch nicht zu übersehen.
Es scheint wirklich so zu sein: Wenn Erwachsene schaukeln oder auch nur an Schaukeln denken, kommt in ihnen das Kind wieder zum Vorschein. Dieser fast kribbelige Zustand bewirkt, dass Groß und Klein übermutig auf einem Schaukelpferd Galopp reiten, sich auf einer Schaukel in den Himmel wagen oder auch nur in einem Schaukelsessel sanft einlullen. Das all diese Objekte neuerdings nicht mehr nur auf Spielplätzen zu finden sind, sondern auch zuhause, in Hotels oder eben sogar an Tramhaltestellen verdanken wir den Produktdesignern dahinter, die ihren Job nicht zu ernst nehmen. So geben sich Stil und Spiel in unserem Wohnzimmer neuerdings die Hand.

 

Ein Artikel von Janina Temmen

 

Erstellt am 31.08.2016 Kategorie: Entdecken Der Artikel wurde bereits 1287 mal gelesen
Noch keine Kommentare   Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Kommentar schreiben
Beitrag teilen
0 1 Beitrag bewerten
Beitrag bewerten 0 1

Cookieicon
Hinweis zur Verwendung von Cookies  Mehr Informationen

Damit wir Ihnen den bestmöglichen Service bieten können, speichern wir die Informationen zu Ihrem Besuch in „Cookies“. Durch die weitere Nutzung unserer Website erklären Sie sich mit der Verwendung eben dieser Cookies einverstanden.

closecookie