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Zusammen sägt man weniger allein

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In der oberbayerischen Provinz bilden vier kreative Schreiner das Werkstattkollektiv „Katzbachs Helden“.

 

Bei Ameisenvölkern muss das ähnlich ablaufen. So eine einzelne Ameise scheint ja auch immer nur vor sich hin zu werkeln und zu wuseln, als gingen sie die Mit-Ameisen nichts an. Aber hast du nicht gesehen – steht am Ende des Tages plötzlich ein picobello gemeinsam hochgezogener Ameisenhaufen am Wegesrand; aus rein natürlichen Rohstoffen, mit Massivholzmöbeln tiptop eingerichtet… Okay, das war jetzt etwas drüber, aber vom Prinzip her kann man sich das Arbeitsleben einer Schreiner-Truppe aus Grießstätt, im nördlichen Landkreis Rosenheim in Oberbayern, tatsächlich ein wenig „ameisig“ vorstellen. Die sind zwar nur zu viert, treten aber auch als Kollektiv auf. Als Werkstattkollektiv, das unter einem gemeinsamen Dach haust (soll heißen hobelt, sägt, schleift, hämmert, leimt etc.) und in den verschiedensten Konstellationen (oder jeder für sich allein) an Projekten arbeitet.

 

Warum Katzbach? In dem Ortsteil von Rott am Inn (eine Gemeinde im Westen des gleichen Landkreises) nimmt die Idee im Jahr der Wende Gestalt an. Andreas Phleps (51) und Herman Wolterhof (53) kommen lange vor Erscheinen des gleichnamigen Erfolgsromans zu der Erkenntnis: Zusammen ist man weniger allein. Die beiden Schreiner gründen also die durchaus hippieesk angehauchte Wohn- und Arbeitsgemeinschaft in einem eigens dazu umgebauten Bauernhof. Das sagen sie so nicht, aber zwischen den Zeilen ist zu hören, dass da schon ab und an leichte Lagerkoller aufkeimten. Kollegen kommen und gehen, Frauen kommen und gehen, man streitet und rauft sich wieder zusammen – wie das halt so ist, in einer fast kommunenartigen Gemeinschaft. Nebenbei bauen sie sich den inzwischen bis hinauf nach Hamburg reichenden Ruf auf, der ihren Namen zum Programm macht: „Katzbachs Helden.“

 

Eigentlich müssten sie längst „Grießstätts Helden heißen“. Die dortige alteingesessene Ortsschreinerei hatte vor ein paar Jahren aus tragischen Gründen nicht fortgeführt werden können, gleichzeitig brauchten die Helden mehr Platz. In Katzbach war es zu eng geworden bei der rasant steigenden Auftragslage. Also zogen sie um, mit Sack und Maschinenpack. In der Zusammensetzung, in der das Quartett heute das Werkstattleben teilt, scheint es dauerhaft Bestand zu haben. Es wirkt zumindest äußerst harmonisch, wie die Herren ihrer Arbeit nachgehen – jeder in einem anderen Eck der Halle, jeder mit einem Klemmbrett mit den aktuellen Auftragsdaten vor sich, jeder mit Kopfhörern auf den Ohren – der Welt und den Kollegen entrückt, aber doch irgendwie gemeinsam.

 

Wie es zur heutigen Konstellation kam? Zum einen stieß Stefan Barthuber (53) dazu, quasi als Einwechselschreiner für Hermann, der sich 1999 eine Auszeit nahm, um drei Jahre lang mit dem Auto nach und durch Vietnam zu tuckern. Schnell erschreinerte sich Stefan einen Stammplatz, auch über die Rückkehr des Asienbummlers hinaus. Als vierter im Bunde brachte sich Bernhard Seidinger ein, das Küken der Truppe – wenn man bei einem 47-Jährigen von Küken sprechen darf. Bernhard jedenfalls hatte als Kopf einer „Maibaumdiebesbande“ ein Versteck für die unhandliche Beute gesucht, und die Helden gewährten an ihrem neuen Standort großzügig Unterschlupf. Fast müßig zu erwähnen: Als Bernhard anklopfte, klaute er natürlich nicht hauptberuflich Brauchtumsobjekte. Vielmehr baute der Schreiner gerade eine Einbauküche, und wie er das tat, überzeugte die anderen sofort. „Ich mag Massivholz“, erklärt er, „oder altes Holz, das man einer neuen Funktion zuführt.“ Als Beispiel nennt er das Holz eines alten Glockenturms, aus dem er einmal eine Tür gemacht hat. „Eine Spanplatte spaziert mir nur ganz selten durch die Werkstatt“, schmunzelt er. Diese Einstellung jedenfalls bedeutete damals: Der Maibaum musste wieder verschwinden, der Bernhard durfte bleiben.

 

Bleibende Werte schaffen – den Anspruch hegen Katzbachs Helden. Ein nicht unbedeutender Faktor dabei: Psychologie. „Kunden“, veranschaulicht Bernhard, „machen sich oft nur recht vage Vorstellungen davon, wie ein neues Möbelstück aussehen soll.“ Oder die Stufen einer Wendeltreppe. Oder ein Holzbalkon. Dann, so die Schreiner, müsse man viel Interpretationsarbeit leisten. Nun, offensichtlich geben Katzbachs Helden recht gute Psychologen ab. Im Internet halten sie mit Ihren Lobeeren zwar ziemlich hinter dem Berg, tatsächlich können sie aber auf eine – Achtung, Wortspiel – lange Latte an namhaften Privat- und Unternehmenskunden verweisen. So werden die Bretter, die im vorderen Raum der Werkstatt gerade auf ihre Weiterverarbeitung warten, bald in München das Mobiliar für einen Burgerladen der Hamburger Hipster-Brause „Fritz Kola“ bilden. Die große Dinzler-Kaffee-Erlebniswelt am Irschenberg an der A8 trägt die Handschrift der Helden, ebenso wie etliche denkmalgeschütze Gebäude. Deren Fenster und Türen verhilft Stefan so authentisch zu neuem Glanz, dass er sich Münchner Fassadenpreisträger nennen darf.

 

Direkt spezialisiert haben sich die einzelnen Helden nicht. Aber: „Wir haben alle unser Faible“, sagt Bernhard Seidinger, dem klassische Formen Glücksgefühle bescheren. Hermann Wolterhof bekennt sich zum „New England Style“, also zu Mobiliar oder Zimmererarbeiten in Anlehnung an alte, amerikanische Landhäuser. Stefan gilt als Experte für optisch und vor allem fachlich astreine Sanierungsarbeiten. Andreas schließlich scheut sich nicht vor Edel-Ausgefallenem. Für den Neubau des Rosenheimer Instituts für Baubiologie und Nachhaltigkeit (IBN) zu Beispiel fertigte er erst kürzlich Möbel aus Voll- und Dreischichtholz, das er teilweise mit Linoleum beschichtete. Die Oberflächen behandelte er mit Ölen und Wachsen auf Naturharzbasis, teilweise beließ er sie roh. Das Architekten-Ehepaar Rupert Schneider und Karin Hick als Leiter des IBN begeistert sich besonders für die unter den Fenstern im Obergeschoss angebrachten Einbauschränke. Deren Clou: ihre Oberseite bilden etwa 40 Zentimeter tiefe, durchgängige Fensterbretter aus Eichenholz, die so gehobelt sind, dass sie sich perfekt an den kreisförmigen Gebäude-Grundriss anschmiegen. Vielleicht ist damit auch kurz und knapp das Erfolgsgeheimnis von Katzbachs Helden erklärt: Was sie bauen, schmiegt sich perfekt ans jeweilige Wohnumfeld.

Autor: Christian Topel

 

Erstellt am 31.03.2015 Kategorie: Einblicke Der Artikel wurde bereits 1730 mal gelesen
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